Die Sache mit der Dezentralität

Eigentlich habe ich mir abgewöhnt, zu technischen Themen zu bloggen. Ist zu lange, her, dass ich mich intensiver damit befasst hätte. Doch im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung über das sogenannte „Fediverse“ bin ich dann doch über den einen oder anderen Take gestolpert, der mich aufgeregt hat, und der mich veranlasst, mal eine Ausnahme zu machen. Denn, und das ist meine These: Die dezentrale Organisation von Mastodon und den anderen Netzwerken des Fediverse hat zwar ihre Nachteile, Tücken, Risiken und Missbrauchspotenziale, im Kern ist sie aber etwas Positives und gerade kein Grund, von ihrer Nutzung abzusehen. Widersprüche, die man aushalten können muss, und so.

Der Stein des Anstoßes

Eine bestimmte Mastodon-Instanz beschreibt sich selbst als „linksorientierte und antiautoritärer Mastodon-Server für Progressive, Sozialist_innen, Anarchist_innen, Aktivist_innen, Umweltbewegung, Veganer_innen, Antirassist_innen, Antifaschist_innen, Pirat_innen, LSBTQIA+, Menschenrechtler_innen etc.“ Auf dieser Instanz hatten Leute der Behauptung, Israel sei ein Apartheisstaat, widersprochen. Diese Postings riefen offenbar die Admins der Instanz auf den Plan, die meinten, gegen diese Postings vorgehen zu müssen.

Instanzen?

Nun habe ich bereits einen zentralen Begriff des Fediverse genannt: Den der Instanz. Er unterscheidet dezentral organisierte Netzwerke grundlegend von zentral organisierten Netzwerken wie beispielsweise Instagram, facebook, Twitter. In diesen Netzwerken gibt es einen Betreiber, typischerweise eine Firma, die die gesamte technische Infrastruktur betreibt und faktisch die Kontrolle über alles hat, was auf diesen Netzwerken passiert. Dies verleiht den Firmen freilich eine große Macht, die ihrerseits auch wieder zum Gegenstand politischer und juristischer Auseinandersetzungen wird, wie man in Deutschland beispielsweise am Netzwerkdurchsetzungsgesetz erkennt.

Mastodon und Co. sind demgegenüber völlig anders aufgebaut. Im Prinzip kann jede Person, die über entsprechende Ressourcen verfügt – und dazu gehört nicht wirklich viel – die entsprechende Software auf ihrem Server aufsetzen und betreiben. Ressourcen bedeutet hier finanzielle Ressourcen, technisches Know-How und die entsprechende Zeit, den Server zu betreuen. Das ist nicht nichts, hält sich aber durchaus in einem Rahmen, der auch für viele kleinere Initiativen und auch einige Einzelpersonen zu stemmen sein dürfte; jedenfalls hier in unserer privilegierten Umgebung.

Jede Instanz läuft im Prinzip völlig für sich selbst und unabhängig von den anderen. Die Instanzen können miteinander vernetzt werden, so dass man auch lesen kann, was auf anderen Instanzen getrötet wird, und nicht auf der eigenen. Muss aber auch nicht unbedingt. Man kann das auch selektiv machen, und sagen, meine Instanz soll mit der Instanz X reden, aber nicht mit der Instanz Y. So haben viele Instanzen etwa Gab gesperrt, weil dort besonders viel brauner Schnodder verbreitet wird.

Betreibe ich aber selbst eine Mastodon-Instanz, so bin ich dort gewissermaßen auch der Hausherr. Wenn ich der Meinung bin, auf meiner Instanz soll nur über American Football geredet werden, dann lasse ich halt nur Postings über American Football zu und lösche ggf. halt alles andere. Wer damit nicht happy ist, soll sich halt eine andere Instanz suchen. Meine Instanz ist mein Wohnzimmer, dort gelten meine Regeln (um Missverständnisse zu vermeiden: Ich betreibe keine Instanz, und habe das auch nicht vor, aber das tut hier nix zur Sache).

Weißt du noch, wie’s früher war

Was mich an der aktuellen Auseinandersetzung besonders irritiert, ist, dass die zentrale Organisation von Netzwerken, wie eben facebook, twitter, instagram offenbar als Norm verstanden wird, und man sich einen anderen Aufbau von Netzwerken gar nicht vorstellen kann.

Dabei ist dieser zentrale Aufbau von Netzwerken keineswegs selbstverständlich. Erinnert man sich beispielsweise an die „Blogosphäre“ der 2000er Jahre, die wohl als eine Art Vorläuferin der sozialen Netzwerke verstanden werden kann, so war der dezentrale Aufbau dort selbstverständlich. Auch heute noch kann ich jederzeit mit wenigen Klicks einen Blog bei blogsport oder wordpress.com erstellen. Niemand käme aber etwa auf die Idee, zu sagen, Blogs an sich sind böse, weil darüber auch antisemitischer Unsinn verbreitet werden kann. Und es würde auch niemand sagen, die Betreiber*innen von blogsport sind Schuld daran, wenn jemand auf wordpress.com antisemitischen Unsinn verbreitet. Die Verantwortung liegt insoweit allein – abgesehen freilich von den Verfasser*innen selbst – bei den Admins der jeweiligen Instanz, auf der die fraglichen Äußerungen getätigt werden.

Auch sonst ist das Internet im Allgemeinen eher dezentral strukturiert. Auch Mailserver laufen ja im Prinzip völlig unabhängig voneinander nebeneinander her. Doch kaum jemand käme auf die Idee, die E-Mail an sich als problematisch zu betrachten, weil man per E-Mail eben auch antisemitische Hetze verbreiten kann. Weiter kann jeder Mensch, der dies möchte, und über die entsprechenden Ressourcen verfügt, auch einen Webserver betreiben und Websites hosten. Auch solche werden vielfach für volksverhetzende oder sonstige kriminelle Zwecke verwendet; trotzdem wird niemand im Kern bestreiten wollen, dass das Web an sich und als solches ein Segen ist, dass uns den Alltag in vielerlei Hinsicht vereinfacht, die sich die meisten von uns vor zwanzig Jahren noch kaum vorstellen konnten.

Dezentralität als Chance

1981 haben einige Menschen, aus deren Dunstkreis dann auch der Chaos Computer Club (CCC) hervorging, einen Text verfasst, den sie tuwat.txt nannten. Dort heißt es (hier zitiert nach netzpolitik.org, Hervorhebung durch mich):

Dass die innere Sicherheit erst durch Komputereinsatz möglich wird, glauben die Mächtigen heute alle. Dass Computer nicht streiken, setzt sich als Erkenntnis langsam auch bei mittleren Unternehmen durch. Dass durch Komputereinsatz das Telefon noch schöner wird, glaubt die Post heute mit ihrem Bildschirmtextsystem in „Feldversuchen“ beweisen zu müssen. Dass der „personal computer“ nun in Deutschland dem videogesättigten BMW-Fahrer angedreht werden soll, wird durch die nun einsetzenden Anzeigenkampagnen klar. Dass sich mit Kleincomputern trotzalledem sinnvolle Sachen machen lassen, die keine zentralisierten Großorganisationen erfordern, glauben wir. Damit wir als Komputerfrieks nicht länger unkoordiniert vor uns hinwuseln, tun wir wat und treffen uns am 17.9.81 in Berlin, Wattstr. (TAZ-Hauptgebäude) ab 11.00 Uhr. Wir reden über internationale Netzwerke – Kommunikationsrecht – Datenrecht (Wem gehören meine Daten?) – Copyright – Informations u. Lernsysteme – Datenbanken – Encryption – Komputerspiele – Programmiersprachen – processcontrol – Hardware – und was auch immer.

Tom Twiddlebit, Wau, Wolf, Ungenannt(~2)

Dezentralität wird hier als erstrebenswert, als eine Chance ergriffen. Man kann virtuelle Freiräume schaffen, die sich der Kontrolle durch Staat und Konzerne weitgehend entziehen. Das mag in einem Rechtsstaat, in dem die Meinungsfreiheit ohnehin bereits in sehr weiten Schranken gewährleitstet ist, als kein großes Ding erscheinen. Aber stellen wir uns vor, wir würden ein soziales Netzwerk im Iran oder in Russland betreiben wollen, sähen wir das wahrscheinlich ganz anders.

Insofern erscheint er mir, mit Verlaub, fast schon ein wenig privilegienblind, wenn Linke offenbar vor dem Hintergrund des Vorfalls auf todon.nl es problematisieren, dass es keine zentrale Kontrollinstanz im Fediverse gibt, die für Recht und Ordnung einsteht, zumal als solche praktisch nur Tech-Konzerne oder staatliche Einrichtungen infrage kommen, mithin Institutionen, denen Linke traditionell auch eher mit einer gewissen Skepsis gegenüber stehen. Auch deswegen erstaunt es mich, dass man jetzt offenbar nach solchen Institutionen ruft.

Vollständigkeitshalber sei angemerkt, dass es auch Initiativen gibt, die solche Infrastrukturen gerade auch deswegen betreiben, um eben progressiven Menschen in autoritär regierten Staaten, wo die großen Plattformen einer strengen Zensur unterliegen, einen Zugang zu zensurfreier Kommunikation zu ermöglichen.

Communities

Das alles heißt nicht, dass einschlägige Communities keinen Umgang mit Vorfällen wie auf todon.nl finden müssen. So, wie in jedem autonomen zentrum ein Umgang mit unerfreulichen Vorfällen aller Art gefunden werden muss, muss auch sozusagen im virtuellen AZ ein sinnvoller Umgang gefunden werden. Man mag da an sowas wie virtuelle awareness teams oder so etwas denken können. Ich habe leider auch keine Patentlösung. Aber ich weigere mich jedenfalls, es als Lösung zu akzeptieren, zu sagen: „Wir verwenden jetzt nur noch Plattformen, die einer strikten Kontrolle durch Staat oder Tech-Konzerne unterliegen.“

Zumal die gesamte Erfahrung mit Twitter & Co. auch nicht gerade dafür spricht, dass dort mehr als unbedingt nötig gegen volksverhetzende Inhalte unternommen wird. Im Gegenteil werden dort sogar auch gerne mal Accounts gesperrt, die sich gegen solche Inhalte wenden (mutmaßlich, weil die Moderation zum großen Teil automatisiert durch Algorithmen erfolgt, die Ironie, Sarkasmus, etc., nicht zu erkennen vermögen).

Ein Wort zu Sperren: Teilweise wurde versucht, eine Mitverantwortung der Admins anderer Instanz für das Geschehen auf todon.nl zu konstruieren, indem man ihnen vorwirft, die Verbindung zu todon nicht sofort gekappt zu haben. Tatsächlich kann man sich aber über die Sinnhaftigkeit derartiger Sperren durchaus streiten. Sie ändern ja nichts an der Existenz der entsprechenden Äußerungen der Admins auf todon. Man hindert lediglich die eigenen Nutzer*innen daran, diese Äußerungen unmittelbar von ihrem eigenen mastodon-Account zur Kenntnis zu nehmen, und ggf. auch darauf zu reagieren, während die fraglichen Äußerungen aber ohne Weiteres erkennbar sind, indem man die entsprechenden Postings etwa direkt aus dem Webserver heraus aufruft. Es ist also ein eher symbolischer Akt mit eher begrenztem Nutzen, zumal man damit freilich auch zwangsläufig sämtliche unproblematischen Inhalte auf jener Plattform blockiert.

Fazit

Es gibt nachvollziehbare Gründe, warum Leute nicht ins fediverse umziehen wollen. Alle deine liebsten Mutuals sind bei twitter, du hast gerade einfach keine Lust oder Zeit, dich mich irgendwas Neuem auseinanderzusetzen, du vermisst bestimmte Features, die dir besonders wichtig sind, usw. Alles gut, dann bleib halt auf Twitter.

Aber ausgerechnet die dezentrale Struktur des Fediverse als politisches Problem ansehen zu wollen, oder aus dem Verhalten einzelner Instanzen und ihrer Admins Rückschlüsse auf das gesamte Fediverse ziehen und auf diese Weise moralisch-politische Bedenken konstruieren zu wollen, ist, mit Verlaub, ziemlicher Unsinn.

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