Alle Beiträge von Marcel Keienborg

VG Düsseldorf hält an Tarakhel fest

Mit diesem Beschluss hat die 29. Kammer des Verwaltungsgerichts Düsseldorf einer Familie, die sich gegen ihre Abschiebung nach Italien im Dublin-Verfahren wehrt, einstweiligen Rechtsschutz gewährt. Das wäre an sich kaum erwähnenswert, gab es doch seit der „Tarakhel-Entscheidung“ des EGMR (Urteil vom 04.11.2014, 29217/12) eine Vielzahl derartiger Entscheidungen. Dennoch enthält die Entscheidung aus meiner Sicht drei Aspekte, die Beachtung verdienen:

1. Das Gericht ist der Auffassung, dass „Tarakhel“ im Jahre 2018 immer noch zu beachten ist. Das ist nicht selbstverständlich. Denn die Entscheidung ist mittlerweile immerhin gute vier Jahre alt, und unter anderem das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) meinen, dass sich die Situation in Italien in der Zwischenzeit verbessert habe. Dem vermag das Gericht jedoch nicht zu folgen:

Es lässt sich auch nicht feststellen, dass sich die Verhältnisse in Italien für Familien seit der Tarakhel–Entscheidung und den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts wesentlich verbessert hätten. Dem Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe von August 2016 […] ist zu entnehmen, dass es keineswegs in allen Fällen gewährleistet ist, dass Familien gemeinsam untergebracht werden. Zwei ergibt sich aus dem aktuellen aida-Bericht zur Lage in Italien, […] dass die Zahl der Plätze in den für vulnerable Gruppen vorgesehenen SPRAR-Einrichtungen wesentlich erhöht wurde (nämlich auf 35.000, vgl. S. 14). Jedoch waren davon im Jahr 2017 lediglich 70 Plätze für Dublin-Rückkehrer vorgesehen, die angesichts von ca. 65.000 im Jahr 2016 gestellten Übernahmeersuchen nur einem Bruchteil der rückgeführten Personen zugutekommen dürften (vgl. zur Statistik ebd., S. 41).

2. Das Gericht erstreckt die Gültigkeit der Vorgaben des EGMR auch auf Familien mit vergleichsweise älteren Kindern, hier: sieben und siebzehn Jahre alt. Dazu führt es aus:

Denn auch für minderjährige Kinder oberhalb der vom Bundesverfassungsgericht festgelegten Altersgrenze kann es unzumutbar sein, getrennt von den Eltern oder altersunangemessen untergebracht zu werden. Es ist nicht ersichtlich, warum der Grundsatz der Familieneinheit nur für Eltern mit Kindern bis drei Jahren gelten sollte. Entsprechend hat der EGMR in seiner Tarakhel-Entscheidung auch keine Unterscheidung zwischen den dortigen sechs minderjährigen Beschwerdeführern unterschiedlichen Alters zwischen zwei und 15 Jahren vorgenommen und entschieden, dass die gesamte Familie gemeinsam untergebracht werden muss.

3. Das Gericht weist zudem auch zutreffend darauf hin, dass durch die jüngsten rechtspolitischen Entwicklungen in Italien eher eine Verschlechterung der Lage zu erwarten sei:

Die aktuellen Änderungen im italienischen Asylsystem lassen zudem eine Verschlechterung der Verhältnisse in Italien für Familien erwarten. Das Gesetzesdekret (decreto legge) Nr. 113/2018 der italienischen Regierung, dem mittlerweile sowohl der italienische Senat als auch die italienische Abgeordnetenkammer zugestimmt haben, sieht einem Bericht zufolge vor, dass ab dem 5. Oktober 2018 Asylsuchende und Inhaber eines humanitären Aufenthaltstitels von der Aufnahme im SPRAR-System ausgeschlossen sind; das gilt auch für besonders schutzbedürftige Personen. Auch Familien sollen nur noch dann in den SPRAR-Einrichtungen aufgenommen werden, wenn mindestens ein Elternteil einen internationalen Schutzstatus hat,

VG Düsseldorf, Beschluss vom 19.12.2018, 29 L 3504/18.A

VG Düsseldorf zur Ausbildungsduldung für Minderjährige

Es ist ein Elend: Vielen, insbesondere jungen, Migrant:innen wird die Aufnahme einer Ausbildung durch hohe bürokratische Behörden erschwert. Die zuständigen Behörden bemühen sich gezielt, eine Integration in den Arbeitsmarkt zu verhindern, wissen sie doch, dass eine gelungene berufliche Integration eine spätere Abschiebung potenziell erheblich zu erschweren vermag. Lieber nimmt man es in Kauf, dass die Betroffenen auf Jahre zur Arbeitslosigkeit und damit freilich auch zum Sozialleistungsbezug verdammt sind. Immerhin in einem Fall hat das VG Düsseldorf die zuständige Ausländerbehörde der Stadt Düsseldorf jetzt in die rechtlichen Schranken gewiesen.

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VG Düsseldorf zu Yezid:innen im Irak

Mit diesem Urteil hat das Verwaltungsgericht Düsseldorf das Bundesamt für Migration und Flüchtline (BAMF) dazu verpflichtet, einem jungen Yeziden aus dem Irak als Flüchtling anzuerkennen. Das BAMF selbst hatte ihm zuvor lediglich subsidiären Schutz zuerkannt. Dabei macht das Gericht interessante Ausführungen zur Situation der Yeziden und zum Stand der Rechtsprechung.

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VG Düsseldorf zu Somalia: „Reer Hamar“ ohne soziales Netzerk droht „existenzielle Notlage“

Mit diesem Urteil hat das VG Düsseldorf einem jungen Mann, der der ethnischen Minderheit der „Reer Hamar“ angehört, ein Abschiebungsverbot gemäß § 60 Abs. 7 S. 1 AufenthG zuerkannt. Der Kläger ist zwar in Somalia geboren, verließ Somalia aber bereits im Alter von drei Jahren gemeinsam mit seinem Vater und lebte fortan im Jemen, bis er weiter nach Europa flüchtete. Derartige Fallkonstellationen kommen häufig auch bei der afghanischen Staatsangehörigen vor, die als kleiner Kinder mit ihrer Familie in den Iran geflüchtet sind, oder sogar dort geboren sind (sogenannte „faktische Iraner“). Hier wie dort ist das Problem, das sich in diesen Fällen stellt, dass die Menschen in ihrem sogenannten „Herkunftsland“ (nicht einmal das Wort passt in diesen Fällen so wirklich) keine politische Verfolgung erlebt haben können, denn sie haben ja praktisch gar nicht dort gelebt. Damit fehlt aber regelmäßig ein Anküpfungspunkt, um von einer politischen Verfolgung ausgehen zu können, die aber ja wiederum Voraussetzung für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft wäre. Zu prüfen bleibt in diesen Fällen, ob die humanitäre Lage im „Herkunftsland“ so prekär ist, dass eine „Rückkehr“ (noch so ein Wort, dass in diesen Fällen nicht wirklich passt) unzumutbar sein könnte. Im konkreten Fall hat das Gericht dies bejaht.

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VG Düsseldorf zu Dublin: Auch „Stellvertreter-Ehe“ ist Ehe

Es ist an sich keine ungewöhnliche Konstellation, dass Menschen in der EU Asyl beantragen, die bereits in einem Mitgliedstaat lebende Familienangehörige haben, die dort auch als international schutzberechtigte Personen anerkannt sind. Für diese Fälle bestimmt Art. 9 Dublin-III-VO, dass eine Familienzusammenführung in dem Land, in dem die als schutzberechtigt anerkannten Personen leben, möglich ist. Der hier vorliegende Fall unterschied sich aber durch eine Besonderheit von diesen Fällen: Meine Mandantin und ihr in Deutschland lebender Ehemann kannten sich zwar schon seit langer Zeit und waren auch in Syrien schon ein Paar; wegen der Flucht des Ehemannes musste die geplante Hochzeit jedoch erst einmal verschoben werden. Das Paar heiratete jedoch, nachdem der Ehemann schon als anerkannter Flüchtling in Deutschland anerkannt wurde, im Wege einer sogenannten „Stellvertreter-Ehe“. Er war also bei seiner eigenen Heirat gar nicht anwesend, sondern ließ sich dort vertreten. Nach Auffassung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) war die Ehe damit keine gültige Ehe im Sinne des Art. 9 Dublin-III-VO, weswegen das BAMF die Ehefrau im Dublin-Verfahren nach Spanien abschieben möchte.

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VG Minden zu Anerkanntenfällen mit Rumänien

Das Thema „Anerkanntenfälle“, also die asylrechtliche Behandlung solcher Personen, denen bereits in einem anderen EU-Land internationaler Schutz zuerkannt worden ist, wird in der Beratung geflüchteter Personen tätige Personen auf absehbare Zeit weiter beschäftigen. Heute erhielt ich einen Gerichtsbescheid vom VG Minden, mit dem das Gericht festgestellt hat, dass eine Familie mit drei minderjährigen Kindern nicht nach Rumänien abgeschoben werden darf, da sie dort wegen zu erwartender Schwierigkeiten beim Zugang zu Sozialleistungen „binnen kürzester Zeit schwerste Schäden“ erleiden würde:

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Iran: Flüchtlingsanerkennung wegen exilpolitischer Betätigung

Hier ein Urteil, mit dem das VG Trier die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet hat, einem Geflüchteten aus dem Iran, der der belutschischen Minderheit angehört, wegen seiner exilpolitischen Aktivitäten für die „Belutschanische Volkspartei“ die Flüchtlingseigenschaft gemäß § 3 AsylG zuzuerkennen. Ein kleiner Auszug auf den Urteilsgründen: Iran: Flüchtlingsanerkennung wegen exilpolitischer Betätigung weiterlesen

BAMF will Kontrolle über Kirchenasyl

Dank des Dublin-Verfahrens erlebt das Kirchenasyl seit einiger Zeit eine Renaissance. Hintergrund ist die sogenannte Überstellungfrist in Art. 29 Dublin-III-VO. In dessen Absatz 2 heißt es:

Wird die Überstellung nicht innerhalb der Frist von sechs
Monaten durchgeführt, ist der zuständige Mitgliedstaat nicht
mehr zur Aufnahme oder Wiederaufnahme der betreffenden
Person verpflichtet und die Zuständigkeit geht auf den ersuchenden Mitgliedstaat über. Diese Frist kann höchstens auf ein Jahr verlängert werden, wenn die Überstellung aufgrund der Inhaftierung der betreffenden Person nicht erfolgen konnte, oder höchstens auf achtzehn Monate, wenn die betreffende Person flüchtig ist.

Es gibt also eine Frist von in der Regel sechs Monaten innerhalb derer einer Dublin-Überstellung durchgeführt werden muss. Wir wollen uns an dieser Stelle nicht näher mit der Frage befassen, wann diese Frist zu laufen beginnt. Das Thema wäre an sich kompliziert genug für mindestens einen eigenen Blog-Beitrag. Was uns an dieser Stelle interessiert, ist der Ablauf dieser Frist. Er führt nämlich zu einem Übergang der Zuständigkeit im Sinne der Dublin-III-VO, mit anderen Worten, der Staat, in dem sich ein:e Schutzsuchende:r aufhält, wird dann selbst für das Asylverfahren zuständig; der Staat darf die Person dann also nicht mehr in einen anderen Staat abschieben, der möglicherweise zuvor zuständig war. Dieser Umstand macht das Kirchenasyl im Dublin-Verfahren attraktiv. Wenn eine Person also sechs Monate im Kirchenasyl verbleibt, darf sie zumindest für die Dauer eines sich anschließenden Asylverfahrens in Deutschland verbleiben. BAMF will Kontrolle über Kirchenasyl weiterlesen

Nach dem Beschluss ist vor dem Beschluss

Mittlerweile ist der Beschluss des VG Gelsenkirchen vom 13.07.2018, 8 L 1315/18, im Volltext veröffentlicht. Hierbei handelt es sich um den Beschluss, mit dem die Stadt Bochum als Ausländerbehörde verpflichtet wurde, den Betroffenen zurück zu holen: „Die Antragsgegnerin wird verpflichtet, den Antragsteller unverzüglich auf ihre Kosten in die Bundesrepublik Deutschland zurückzuholen“, heißt es im Tenor. Der Beschluss des VG Gelsenkirchen vom 12.07.2018, 7a L 1200/18.A, war ebenfalls zwischenzeitlich auf „nrwe“ im Volltext veröffentlicht; zwischenzeitlich wurde er aber offensichtlich seltsamerweise wieder gelöscht. Hierbei handelt es sich um den Beschluss aus dem asylrechtlichen Verfahren, mit dem die 7a. Kammer die aufschiebende Wirkung der Klage gegen den Widerruf des Abschiebungsverbotes wiederhergestellt hat, weil sie weiterhin die Gefahr sieht, dass der Betroffene in Tunesien gefoltert werden könnte. Außerdem gibt es nun auch noch eine kurze Pressemitteilung des OVG NRW, in der das OVG NRW mitteilt, dass die Stadt Bochum zwischenzeitlich Beschwerde gegen den Beschluss im Verfahren 8 L 1315/18 eingelegt habe. Die Beschwerde sei noch nicht begründet; hierzu habe die Stadt Bochum noch bis zum 13.08.2018 Zeit (also einen Monat nach Bekanntgabe, vgl. § 146 Abs. 4 S. 1 VwGO). Zeit, für einige ergänzende und klarstellende Anmerkungen. Nach dem Beschluss ist vor dem Beschluss weiterlesen